Aleida Assmann

Der iPod als Denkmal: Zwei Gedenkorte in Gusen (Oberösterreich) und Berlin

Diktatur der Vergangenheit

Durch den inflationären Gebrauch des Wortes ‚Erinnerungskultur’ hat sich in der deutschen Öffentlichkeit die Vorstellung gebildet, es handele sich dabei um einen automatischen Prozess, der sich immer weiter ausbreitet. Diese Entwicklung wird nicht nur positiv gesehen, sondern löst auch kritische Reaktionen aus. So kommt es zur Formulierung von der „Diktatur der Vergangenheit“, der man Einhalt gebieten muss, weil sie uns die Luft zum Atmen nimmt. Weitere Denkmäler und Plaketten seien überflüssig, weil die Gesellschaft mit Vergangenheitswissen längst übersättigt sei und obendrein schädlich, weil sie von einer Beschäftigung mit aktuellen Zukunftsfragen ablenke. Man betrachtet obendrein mit Sorge, wie sich durch bauliche Rekonstruktionen und die Hervorhebung historischer Orte die Vergangenheit im Stadtbild breit macht und den Spielraum für die Gestaltung der Zukunft einschränkt.

Diese einfache Gegenüberstellung von Vergangenheit und Zukunft erweist sich bei näherer Betrachtung jedoch selbst als problematisch. Das Argument entstammt einem Denkstil, der bis in die 1980er Jahre unbefragt in Geltung war und den ich als ‚Zeitregime der Moderne’ analysiert habe. Inzwischen hat sich immer stärker die Einsicht durchgesetzt, dass die Anerkennung und Markierung einer von Gewalt oder sozialem Unrecht geprägten Vergangenheit die Zukunft nicht verstellt, sondern im Gegenteil soziale Integration fördert und neue Wege in eine demokratische Zukunft öffnet.

Von einer ‚Diktatur der Vergangenheit’ zu sprechen ist zudem eine polemische Übertreibung, denn historische Orte sind nie selbst-evident. Es ist ja keineswegs so, dass sie uns von sich aus anrufen: ‘hier bin ich; ich bin Zeuge und Mahnmal einer Geschichte, die nicht vergessen werden darf!’ Wenn man sich um diese Orte nicht kümmert, geht das Leben über sie hinweg und verwischt automatisch die Spuren. Historische Gebäude werden permanent abgerissen, umgebaut oder durch neue Nutzung unkenntlich gemacht. Auch das Gedächtnis der Einwohner bewahrt nichts Zuverlässiges, sondern löst sich spätestens nach drei Generationen immer wieder auf. In W.G. Sebalds Roman Austerlitz reflektiert der Erzähler darüber, „wie wenig wir festhalten können, was alles und wie viel ständig in Vergessenheit gerät, mit jedem ausgelöschten Leben, wie die Welt sich sozusagen von selber ausleert, indem die Geschichten, die an ungezählten Orten und Gegenständen haften, von niemandem je gehört, aufgezeichnet oder weitererzählt werden […].“ Dieses Vergessen ist Teil der gesellschaftlichen Normalität. Nicht das Erinnern, sondern das Vergessen ist der Normalfall in Kultur und Gesellschaft. Vergessen wird jedoch problematisch, ja skandalös, wo wir es mit einer traumatischen Gewaltgeschichte zu tun haben. Die Verbrechen der NS-Zeit und das Unrecht früherer Epochen geben uns noch etliche Erinnerungs- und Denkaufgaben in der Gegenwart auf, die an einem historischen Ort konkret und explizit zum Thema gemacht werden können.

Psychisches Kino

Das Spektrum der Gedächtnismedien hat sich seit einem Jahrzehnt durch den iPod erweitert, der ganz neue Möglichkeiten für Gedenkstätten geschaffen hat. Mit diesem mobilen Apparat kann man einem Ort einen Soundtrack unterlegen, der ihn reanimiert oder eine vergangene und vergessene Dimension an ihn zurückholt. Diese Möglichkeiten des iPod haben die kanadische Künstlerin Janet Cardiff und ihr Lebensgefährte George Bures Miller genutzt und 2006 im 200-jährigen Gedenkjahr der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt wirkungsvoll eingesetzt. Auf dem historischen ‚Erinnerungsfeld Windknollen’, wo das preußisch-sächsische Heer von Napoleon vernichtend geschlagen wurde, konnten die Besucher ohrenbetäubenden Kanonendonner, Pferdegetrappel, das Schreien von tödlich Verwundeten, schrille Kommandorufe und das Keuchen flüchtender Soldaten hören. Hinzu kamen der Bericht einer Zeitzeugin, aber auch Geräusche aus späteren Epochen wie die Panzergeräusche sowjetischer Militärtruppen oder den einsamen Schrei eines Greifvogels. In diesem Fall wurde auf äußere Bilder ganz verzichtet. Die Besucher mussten die künstlerische Sound-Installation selbst in innere Bilder verwandeln, weshalb die Künstlerin ihr Projekt auch als ‚psychisches Kino’ bezeichnet hat. Der österreichische Künstler Christoph Mayer hat diese Idee aufgegriffen und produktiv weiterentwickelt. Aus dem Erlebnis einer atmosphärisch dichten Animation des Ortes ist bei ihm eine ganz neue interaktive Form des Geschichtsunterrichts und der persönlichen Reflexion geworden.

Die Gedächtnisorte, von denen hier die Rede sein soll, sind stumme historische Zeugen, die erst nachträglich zum Sprechen gebracht wurden. Nicht nur durch die Erhaltung historischer Gebäude und die Konservierung von Resten, sondern auch durch die Markierung von Schauplätzen kann die Vergangenheit trotz unweigerlicher und notwendiger Veränderungen in Städten, Dörfern und Landschaften ins Bewusstsein zurückgeholt werden. Diese Orte haben eine zeitversetzte Wirkung: sie machen nachträglich sichtbar, was damals so nicht gesehen werden konnte, sollte oder wollte. Sie ermöglichen damit eine nachholende Wahrnehmung dessen, was zu seiner Zeit achtlos übergangen, bewusst ausgeblendet und anschließend durch Schweigen aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt wurde. Damit unterscheiden sie sich deutlich von jenen Denkmälern und Gedenkstätten, die in direktem zeitlichen Bezug zu einem Ereignis entstanden sind wie das Denkmal des Terroranschlags auf Ground Zero in Mannhatten im Jahre 2001 oder das Denkmal (wie immer es gestaltet werden wird) für die Opfer des Anschlags von Anders Behring Breivik auf der Insel Ytoja bei Oslo im Jahre 2011. In diesen Fällen ist das Ereignis, auf das sie verweisen, im kollektiven Gedächtnis der Mitwelt ohnehin felsenfest verankert. Die Markierung des Schauplatzes als historischer Gedenkort hat in solchen Fällen weniger die Aufgabe, über ein Ereignis in der Vergangenheit aufzuklären, als die rituelle Funktion, das Andenken der Opfer des Terror zu ehren und ihre Namen in der Zukunft vor dem Vergessen zu bewahren.

Im Folgenden sollen zwei Arbeiten Christoph Mayers vorgestellt werden, in denen er scheinbar neutrale Orte in historische Erinnerungsorte verwandelt. Im ersten Fall hat er selbst die Initiative für eine Neugestaltung des Ortes ergriffen, im zweiten Fall hat er an einer Ausschreibung teilgenommen und ein neuartiges Denkmal für Berlin konzipiert.

Die Gedenkstätte Gusen

Gusen ist ein kleines Dorf in Oberösterreich, in dem Christoph Mayer (geb. 1975) aufgewachsen ist. Dass dieses Dorf eine andere Geschichte hatte als andere Dörfer, ging ihm erst als Jugendlicher auf, als er begann, sich für verräterische Gesten und unterdrückte Worte der Dorfbewohner zu interessieren. So war er selbst in seiner Jugend Teil der dörflichen Tabuisierungs- und Verdrängungsgemeinschaft, bis er nachgefragt und die Geschichte des Ortes zum Gegenstand seiner intensiven Nachforschungen gemacht hat. Er fand heraus, was einigen Historikern bekannt war, aber von der Bevölkerung und den Dorfbewohnern nicht als aktives Wissen geteilt wurde, dass Gusen nach dem Anschluss Österreichs an NS-Deutschland Teil des Doppellagers Mauthausen/Gusen gewesen war. In Gusen waren im letzten Kriegsjahr doppelt so viele Häftlinge wie in Mauthausen interniert, hier gab es noch mehr Todesopfer als in Mauthausen. In Gusen wurden die Häftlinge vieler Nationen als Zwangsarbeiter für die Rüstungsindustrie eingesetzt. In einem Bergwerk wurden sie geschunden und 37 000 von ihnen durch Schwerarbeit und Misshandlungen zu Tode gebracht. Doch nach dem Krieg gab es schon bald nichts mehr, was noch an deren Leiden erinnerte. Es gab nämlich schon bald nach Kriegsende einen offiziellen Beschluss, eine offizielle Gedenkstätte in Mauthausen zu errichten und das KZ Gusen von seinen historischen Spuren zu befreien. Die Gebäude wurden neu genutzt und so wurde aus Gusen wieder ein ganz normales Dorf, das nach dem Krieg viele Flüchtlinge aufnahm. So lebten hier Menschen zusammen, die von der Geschichte des Ortes entweder nichts wussten oder nichts wissen wollten. Die praktizierte lokale Erinnerung beschränkte sich auf die wenigen Überlebenden, die regelmäßig an diesen traumatischen Ort zurückkehrten und 1965 dort ein Denkmal errichteten. Von diesen Aktivitäten und Menschen nahm die Dorf-Bewohner keine Notiz. Mit seinen gepflegten Eigenheimen und blühenden Gärten deutete nichts mehr auf die Gewaltgeschichte dieses Orts, bis Christoph Mayer am 6. Mai 2007, dem 62. Jahrestag der Befreiung Gusens, an diesem Ort sein Denkmal der Öffentlichkeit vorstellte. Mithilfe einer Audio-Installation hat er das verdeckte Unterste nach oben geholt und die vergessene Schicht der Geschichte des Ortes nach Jahrzehnten des Schweigens wieder zu Gehör gebracht. Mit einem MP3-Player ausgerüstet kann man heute durch die Gartenstraße gehen und dabei verschiedene Stimmen hören: eine ‚GPS-Stimme’ mit genauen Anweisungen für die Route der Begehung sowie Ausschnitte aus Gesprächen mit Zeitzeugen, Opfern, Tätern und Anwohnern. Man bewegt sich durch das Dorf wie durch ein Museum, nur dass hier der Blick nicht am Sichtbaren hängen bleibt, sondern durch das sinnlich Wahrnehmbare hindurch auf die unsichtbare Vergangenheit gelenkt wird. Der Audioweg, der bis zum Bergstollen führt und die tägliche Marschroute der Häftlinge abschreitet, legt das Verschüttete frei, ohne dafür auch nur einen Stein zu bewegen. Er schneidet durch die Zeitschichten hindurch und holt das Verdrängte und Verschwiegene ins Bewusstsein zurück. Gegenwart und Vergangenheit werden durch die Stimmen, die persönliche Erfahrungen und lebendige Erinnerungen verkörpern, leibhaftig miteinander verbunden. Der Audioweg führt durch die Zeitschichten hindurch und holt dabei das Verdrängte und Verschwiegene ins Bewusstsein zurück, kurz bevor es vor Ort endgültig vergessen war.

Das Frauengefängnis Barnimstrasse in Berlin

Im Osten Berlins hat Deutschland im Laufe des 20. Jahrhunderts in abruptem Wechsel nicht weniger als sechs mal seine politische Gestalt grundlegend gewechselt: Auf das Kaiserreich, das im Ersten Weltkrieg zerbrach, folgte die Weimarer Republik, der NS-Staat, die sowjetische Besatzungszeit, die DDR und der Beitritt zur BRD. Diese historische Komplexität wird im Stadtraum wie im Bewusstsein der Bevölkerung allerdings immer wieder verkürzt und vereinheitlicht. Das Denkmal an der Stelle des ehemaligen Frauengefängnisses Ecke Barnimstrasse in Berlin ist ein weiteres Denkmal-Projekt von Christoph Mayer, das die Möglichkeit bietet, diese unterschiedlichen Schichten der Geschichte auf eine neue Weise zu begehen.

An dem historischen Ort gibt es keine Spuren mehr von dem Frauengefängnis, das hier von 1864 – 1970 gestanden hat. Nach dem Abriss wurde hier kein neues Gebäude errichtet, sondern die Baulücke als Verkehrsübungsplatz für Schüler genutzt. Sichtbar vom historischen Ort sind somit nur noch die genauen Ausmaße des ehemaligen Gebäudes, die von der Baumbepflanzung angedeutet werden. Wie die Fußspur eines Dinosauriers im versteinerten Lehm haben wir hier lediglich einen negativen Abdruck des Gebäudes vor uns. Das geplante Denkmal respektiert die aktuelle Nutzung dieses Ortes. Es verbraucht selbst keinen Platz, sondern nutzt das, was der Platz vorgibt. Die Besucher werden angeleitet, einen Übergang herzustellen von dem Erlernen von Verkehrsregeln der Straßenverkehrsordnung zu den unterschiedlichen Rechtsordnungen verschiedener politischer Systeme. Die Besucherin des Denkmals tritt in diese Struktur des Platzes ein, auf dem sie sich zusammen mit den Verkehrsschülern bewegt, allerdings auf einer eigenen Route nach den Anweisungen der GPS-Stimme ihres iPods. Auf diese Weise wird das Denkmal zu einem ‚Gehmal!’ Im Abschreiten des klar geordneten Terrains treten Vordergrund und Hintergrund auseinander. Denn es sind beim Gehen zwei Sinneskanäle aktiviert: die Augen der Besucher sind mit der Gegenwart verbunden, während sie sich mit ihren Ohren auf den Spuren der Vergangenheit bewegen. Man schaut durch den Schleier des Hier und Jetzt auf das Einstmals Dort. Das führt zu interessanten Interferenzen. Während man den Zeitzeuginnen zuhört, die eine vergangene Welt wiederaufleben lassen, mischt man sich unter die Jugend, die für die Zukunft ihre Verkehrssicherheit einübt. Man tritt in den Strom ihrer Bewegung ein, denn dieses Denkmal ist nicht ein Ort der Stillstands und des Herausfallens aus der Zeit, sondern ein belebter Ort, den man mit anderen teilt, die ganz andere Interessen und Absichten haben. Aber auch die Schulklassen, die an Verkehrsübungen teilnehmen, sehen die Besucher und merken dabei, dass ihr Übungsplatz auch ein historischer Ort ist, über den es noch Wichtiges zu erfahren gibt.

So wird mithilfe des iPod aus dem Einüben von Verkehrsregeln ein Lehrpfad durch die deutsche Geschichte, denn anders als die anderen Verkehrsteilnehmer bewegt man sich nicht nur im Raum, sondern auch durch die Zeiten. Der iPod fordert von den Besuchern dabei zweierlei: den Bewegungsanleitungen genau zu folgen und dabei den Frauen-Stimmen vorbehaltlos zuzuhören. Man lässt sich auf Stimmen ein, die keine zusammenhängenden Geschichten erzählen, sondern in der Art eines inneren Monologs intime Einblicke in ihr Leben, ihre Freuden und Ängste, ihre Erfolge und Niederlagen, ihr glücklichen Momente und traumatischen Erfahrungen geben. Alltägliches und herausragende Momente werden dabei zusammengehalten durch die unverwechselbare Qualität einer persönlichen Stimme. An die erste Stimme schließen sich weitere an; jede baut die ihr eigene Welt auf, in die die Hörer hineingezogen werden. Man lernt nicht nur unterschiedliche Erfahrungen, Temperamente und Standpunkte kennen, sondern auch entgegengesetzte Normen und Wertsysteme, mit denen man sich auseinander zu setzten hat. Stufe für Stufe dringt man immer tiefer in die Vergangenheit ein. Wie mit einem Fahrstuhl in einer Tiefgarage öffnet sich ein unterirdisches Stockwerk nach dem anderen: die DDR, das Dritte Reich, die Weimarer Zeit und die Kaiserzeit. Jede dieser Epochen wird mit ihren eigenen gesetzlichen und kulturellen Rahmenbedingungen aus der Perspektive von jeweils zwei Frauen erzählt, die mit diesen Gesetzen in Konflikt kamen. Dabei wird auch sehr klar deutlich, das Dinge wie Euthanasie, die in der NS-Diktatur erlaubt und sogar geboten waren, in der DDR unter Strafe standen und umgekehrt eine Straftat im Dritten Reich wie das Aufkleben subversiver Parolen in der DDR zur Heldentat wurde. Die Besucher bekommen keinen Gedenkstättenführer in die Hand, der sie durch dieses Labyrinth der Geschichte führt; vielmehr werden sie dazu angeregt, diese persönlichen Erfahrungen und Geschichten nah an sich heran zu lassen, die entgegengesetzten Pole und Perspektiven auszuhalten und sich selbst mit diesen Innensichten auseinanderzusetzen.

Dieses ‚Denkmal’ nimmt seinen Auftrag ganz wörtlich: das Denken wird einem nicht abgenommen, es wird keine vorformulierte Botschaft verabreicht. An die Stelle einer klar aufbereiteten didaktischen Übersicht oder eine Lehre tritt das Eintauchen in die Komplexität persönlicher Mikrogeschichten und die Konfrontation mit den Widersprüchen der Geschichte. Aus den persönlichen Geschichten und Erfahrungen, die einem hier anvertraut werden, muss sich jeder selbst ein Bild machen. „Der Mensch ist widerspruchsvoll“ sagt eine Protagonistin einmal. Diese Widersprüche gelten nicht nur für die entgegengesetzten Rechtsordnungen, sodass die Kriminelle des einen Regimes zur Heldin des anderen werden kann, sondern auch für die Frauen selbst. Eine z.B., die selbstbewusst im NS-Staat Widerstand geleistet hat, war später davon überzeugt, dass Widerstand bestraft werden muss, wenn man den Sozialismus aufbauen will.

Ich möchte hier noch ein persönliches Andenken einbringen. Erst bei meiner Beschäftigung mit dem Frauengefängnis an der Barnimstraße habe ich gelernt, dass auch die Gründerin der Schule hier einsaß, auf die ich selbst 9 Jahre lang gegangen bin. Elisabeth von Thadden (1890-1944) war eine Reformpädagogin, die 1927 ein evangelisch geprägtes ‚Landerziehungsheim für Mädchen’ in einem leeren Schloss in Wieblingen bei Heidelberg gründete, um diese Mädchen für Aufgaben in der Gesellschaft vorzubereiten. 1941 wurde die Schule verstaatlicht, um stärkere Kontrolle über diesen von christlich-humanistischen Werten geprägten Ort ausüben zu können. 1943 wurde ein Spitzel der Gestapo in den Freundeskreis der Leiterin eingeschleust, was zur Folge hatte, dass sie aufgrund ihrer regimekritischen Haltung verhaftet und ins KZ Ravensbrück eingeliefert wurde. Nach ihrem Todesurteil am 1. Juli 1944 wurde Elisabeth von Thadden in die Barnimstraße überführt und am 8. September in Plötzensee hingerichtet. Sie gehört zu 300 Frauen des Widerstands gegen den Nationalsozialismus, die in diesem Gefängnis ihre letzten Monate und Tage verlebten.

Schluss: Das Denkmal als Gehmal und mobiles Psychokino

In unserer mit Bildern übersättigten Welt geht der iPod als Medium des Gedenkens in eine andere Richtung. Er produziert nur den Soundtrack eines Psychokinos, dessen Bilder jeder und jede im eigenen Kopf selber herstellen müssen. Die Hörer müssen obendrein verschiedene Stimmen und ihre unterschiedlichen Sprachen, Akzente und Schwingungen aufnehmen, die sich nicht zu einer einfachen Geschichte oder Botschaft zusammenfügen. Hier wird kein klar vorgezeichnetes Gedenkritual absolviert, vielmehr wird man an die Hand genommen und an eine vergessene Geschichte herangeführt über ein Geflecht von Fragmenten, Episoden, Wahrnehmungen, Erinnerungen, Meinungen und nicht zuletzt: Wertungen, mit denen sich jeder für sich selbst auseinandersetzen muss.

In einer Zeit der Allgegenwart von Bildern, die auf Knopfdruck jederzeit und überall zugänglich sind, versagen uns diese Audio-Denkmäler den so einfachen und scheinbar direkten visuellen Zugang zur Vergangenheit. Was man nicht sieht, muss man sich selbst vorstellen. Die Besucher werden dabei auf neue Weise aktiviert, denn nicht nur müssen sie sich die entzogenen Bilder selbst zurechtmachen, sie müssen sich auch mit dem Sinn dieses Denkmals selbst auseinander setzten. Angestoßen werden sie dabei durch anonyme Frauenstimmen, die sich nicht zu einer einheitlichen Geschichte addieren und keine einfache Botschaften vermitteln, sondern zum Zuhören, Einfühlen, Mitdenken und Fragenstellen anregen. Was man von diesem psychischen Kino bleibt jedem selbst überlassen. Dieser künstlerische Gedenk-Impuls ist sowohl intim, emotional und subjektiv, als auch ästhetisch distanziert und medial inszeniert. Wer sich diesem Parcours von 80 Minuten am historischen Ort aussetzt, erlebt keine Diktatur der Vergangenheit, sondern erhält die Chance einer persönlichen Begegnung und Auseinandersetzung mit Geschichte, die nicht nur kognitiv vermittelt, sondern auch sinnlich erlaufen und erfahren wird.