Harald Welzer

Gefängnisse nennt man nicht beim Namen

Gefängnisse nennt man nicht beim Namen. Meist sagt man nur den Ort – Bautzen, Celle, Stammheim – oder eine Art Code: Santa Fu, Hohenschönhausen, schon weiß jeder Bescheid. In Berlin gab es lange Zeit die „Barnimstraße“, das war das berühmteste Frauengefängnis, 1863/64 erbaut und nach einer Modernisierung 1913 das modernste Gefängnis der Stadt. Heute existiert es nicht mehr. Dort, wo es stand, in der Nähe des Alexanderplatzes, ist heute ein Verkehrsübungsplatz für Kinder, eingerahmt von Wohnhäusern, die erbaut wurden, als die DDR ihre Zukunft schon hinter sich hatte. Diese Häuser, mitten in Ostberlin, für damalige Verhältnisse luxuriös und für Privilegierte des Systems vorgesehen, umrahmten den Gefängnisbau. Das nun wurde als städtebauliche Fehlleistung empfunden, weshalb man das Gefängnis abriss.

Die „Barnimstrasse“ hatte bis dahin viele Systeme überlebt: das Kaiserreich, die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus, die DDR. Ihre Insassinnen, so die bittere Ironie der Geschichte, passten zum jeweiligen Zeit-, Straf- und Verfolgungsgeist, und manche Gefangene hätte nicht gesessen, wäre sie ein wenig früher oder später geboren worden. Zur NS-Zeit saßen dort Frauen aus dem Widerstand, die zum Teil in der DDR selbst zu Befürworterinnen politischer Haft wurden. In der DDR waren gescheiterte republikflüchtige Frauen dort inhaftiert und mussten Zwangsarbeit leisteten; und neben Heldinnen der Geschichtsschreibung wie Rosa Luxemburg waren es Frauen, die sich prostituiert hatten, kleinkriminell oder auf irgendeine Weise „gemeinschaftsfremd“ waren. Oft genügte schon, dass sie „abgetrieben“ hatten. Ein solches Gefängnis bildet also ein Mikrokosmos der Gesellschaftsgeschichte; Großhistoriker wie etwa Hans-Ulrich Wehler pflegen derlei Kleingeschichte aber zu übersehen.

Das fällt desto leichter, je weniger Artefakt noch vorhanden ist: „die Barnimstrasse“ existiert nicht mehr, nur eine Gedenkstele aus DDR-Zeiten weist darauf hin, dass Rosa Luxemburg hier einst gefangen war. Im Unterschied zu den vielen Gedenkstätten zur NS-Herrschaft, den zu Memorialen umgeformten Lagern, Ordensburgen und Kultstätten der Nazis hat dieses Gefängnis keine physische Gestalt mehr. Man sieht den Zweck und die Gewalt, die in seiner Architektur verkörpert war, nicht mehr, kann seine Ausmaße nur erahnen, und was in ihm vorging und warum: Wen interessiert das eigentlich? Schließlich: Im Unterschied zu KZs, Reichsparteitagsgeländen und Weihestätten der SS gibt es Gefängnisse, und natürlich Frauengefängnisse, ja auch heute noch, warum an eines erinnern?

Mir scheint: gerade darum, weil Gefängnisse Institutionen sind, die Regime überleben. Was Jeremy Bentham einst nach dem panoptischen Prinzip entwickelte, das die Überwachung Vieler durch Wenige erlaubt, funktioniert wie die meisten Institutionen unabhängig von den politischen Systemen, zu denen sie jeweils gehören. Dasselbe gilt für die Bürokratie, die Eisenbahn, die Industrie, die Schulen und Universitäten, die Krankenhäuser, die Gerichte: als Institutionen, die für die Verwaltung, den Transport, die Versorgung, die Ausbildung, die Heilung oder die Verurteilung von Menschen zuständig sind, erweisen sie sich meist als gleichgültig gegenüber der Frage, für wen verwaltet, transportiert, ausgebildet, geheilt (oder getötet) oder verurteilt werden muss, Hauptsache, es wird.

Die Gesellschaftsgeschichte eines Gefängnisses erzählt mithin etwas ziemlich Normales, nichts Exzeptionelles; sie erzählt, wie mit denen verfahren wird, die das Recht der jeweiligen Gesellschaft brechen und dabei erwischt werden. Und siehe da: Ein solches Gefängnis funktioniert unter allen Regimen gut: überall erweist sich die Gemeinschaftszelle und die Zwangsarbeit als probat, überall tragen Häftlinge Häftlingskleidung, überall sehen sie keinen Himmel und haben sie nur eingeschränkten Kontakt nach „draußen“, überall müssen sie genau geregelten Tagesabläufen folgen, überall werden Verstöße geahndet, mit der Dunkelzelle, mit Haftverlängerung, mit Ausgrenzung, selbst im eng begrenzten Mikrokosmos geht das noch, oder gerade da.

Und überall sind sie für die, die frei sind, Orte des Schreckens, wo man auf keinen Fall sein möchte. Als negative Orte erfüllen sie die Funktion, unter Beweis zu stellen, dass es besser ist, in der Gesellschaft zu sein als außerhalb von ihr. Der Schrecken ist so groß, dass man, wie gesagt, die Orte nicht beim Namen nennt; „up North“ sagt man in Amerika, wenn jemand im Knast ist. Gefängnisse sind sozial exterritoriale Orte, die gerade deshalb gesellschaftlich integrieren.

Eine wichtige integrierende Funktion hat das moderne Gefängnis, im Unterschied zum mittelalterlichen Kerker, darin, dass es der „Besserung“ der Gefangenen dient, ihrer „Erziehung“ zur Konformität. Dazu dient, auch dies ein moderner Gedanke, Arbeit, die eben keineswegs nur eine Art von kollateralem Gewinn aus dem Gefängnisbetrieb abwerfen soll, sondern vor allem die Gefangenen an Disziplin, Sorgfalt und Fleiß gewöhnen soll. Arbeit und Erziehung sind in der Moderne auf das Engste verbunden, deshalb ähneln die frühen „Arbeitshäuser“ und „Erziehungsheime“ zur Maßregelung abweichender Jugendlicher Gefängnissen, und genau deshalb ist Haft in der Moderne nicht einfach nur Repression, sondern geschieht immer auch in erzieherischer Absicht. In dieser Tradition übrigens stand „Arbeit macht frei“ über dem Lagertor von Auschwitz, nicht aus Zynismus.

Auch hier: eine bis heute ungebrochene Normalität. Arbeit, Ausbildung, Resozialisation sind immer noch integraler Teil des modernen Strafsystems; in diesem Sinn ist jeder Häftling auch ein Hoffnungsträger, der noch ein nützliches Glied der Normalgesellschaft werden kann. Und wieder die Frage: Wie soll man einen Gedenkort aus etwas machen, wo gar nichts Besonderes passiert ist? Und was physisch nicht mehr da ist, sozial aber durchaus noch existiert?

Diese Frage kann Christoph Mayer beantworten, indem er das Gefängnis als mentalen Ort wiedererstehen lässt, der sich aus seiner Topographie, die man sich bewegend erschließt, und den Beschreibungen der Insassinnen zusammenfügt. Für dieses Konzept ist es gerade ein Vorteil, dass das Artefakt nicht mehr existiert, es steht der historischen Re-Imagination buchstäblich nicht im Wege. Der von Mayer entwickelte Audioweg lässt die Besucherin und den Besucher den Erzählungen und Geschichtsfragmenten der ehemaligen Gefangenen nachgehen, und während man geht, stehenbleibt, zuhört, weitergeht, öffnet sich ein imaginativer historischer Raum, der das Subjekt und den Raum viel enger zusammenschließt, als es das Artefakt und die Erklärungstafel (oder der Bildschirm) je ermöglichen würden. Das Geheimnis liegt darin, dass man als Besucher des Orts zum aktiven Teil der geführten Wanderung durch die gelebte Geschichte wird und die historische Imagination nicht vorgesetzt bekommt, sondern selber vornimmt. Christoph Mayer hat in Gusen schon einmal gezeigt, welche aufklärerische Kraft ein solcher Audioweg haben kann – auch hier, am Ort des ehemaligen Schwesterlagers von Mauthausen, gibt es kaum noch historische Artefakte. Aber dafür soziale Überlagerungen, wenn das Empfangsgebäude des Lagers heute eine Fabrikantenvilla und das Lagerbordell ein Zweifamilienhaus ist – und gerade aus diesen Überlagerungen kann man lernen, was Geschichte ist.

Christoph Mayers Audiowege sind unglaublich beeindruckend, gerade weil sie scheinbar einfach daherherkommen. Aber wie allem Einfachen in der Kunst und im Denken geht ihnen eine Genauigkeit der Recherche und der Analyse voraus, die die konventionelle Geschichtsdidaktik allzu oft vermissen lässt, weil dieser die Botschaft schon klar ist, die sie vermitteln möchte. Der Zweck schiebt sich hier vor die Mittel, und das ist bei Christoph Mayers Audioweg genau umgekehrt: es ist nämlich gar nicht klar, was denn eigentlich die Botschaft des Ganzen ist. Die zu erschließen und zu entwickeln ist die Aufgabe der Besucherin und des Besuchers, und diese Aufgabe ist außerordentlich spannend und ihre Lösung durch Imagination auf eine Weise befriedigend, wie es der Umgang mit Geschichte sonst eher selten ist. Man könnte sagen: Der Audioweg Christoph Mayers ist emanzipatorisch, wie gelingende Aufklärung es immer war. So bildet er einen vitalen Gegensatz zum Gefängnis, dem es systemübergreifend um die Formung, nicht aber um die Emanzipation von Menschen geht.